Donnerstag, 8. April 2010

Annemarie Schwarzenbach



Zwei Herzen schlagen -ach- in meiner Brust! Zumindest modisch gesehen. Einerseits liebe ich Tüll, Seide, Rüschen, kurze Kleidchen, Strümpfe und High-Heels, Röhrenjeans und Lederjacken, Haarreifen -ein modisches Sammelsurium das nur einen gemeinsamen Nenner findet: hübsch, aber unpraktisch und unbequem. Als Frischluftfanatikerin und passionierte Fussgängerin verehre ich daher auch Turnschuhe, Latzhosen, Gummistiefel, Strickjacken und ähnliches, das sich höchst selten mit strassentauglichem Chic vereinbaren lässt.

Was das alles mit Annemarie Schwarzenbach zu tun hat, fragt ihr euch jetzt bestimmt.
Nun, der von 1908 bis 1942 lebenden Journalistin und Schriftstellerin gelang genau dies: "chic" und "bequem" unter einen Hut zu bringen.
Bestimmt hätte ihr die neuste Kampagne von Henry Cotton`s gefallen:



Während breitgeschnittene Hosen, Hemden und V-Pullis bereits in meine Garderobe eingezogen sind, gelang es mir nicht, mich für den "Dandy-Schnürer" zu begeistern, welcher aussieht wie ein schmaler Herrenschuh für Damen. Theoretisch sehr hübsch, aber mit meinen Flossen seh ich darin nicht elegant aus, sondern halt immer noch nur so, als hätt ich Papas Schuhe an.

Annemarie Schwarzenbach wurde wegen ihrem Stil und ihrer androgynen Schönheit schon zu Lebzeiten verehrt. Zum Beispiel von der Fotografin Marianne Breslauer, deren Werk noch bis am 30. Mai in der Fotostiftung Winterthur zu sehen ist. Vielleicht hatte sie kleinere Füsse. Und wenn nicht, war es ihr vermutlich egal. Es kümmerte sie ohnehin wenig, was die Leute von ihr dachten. Nach aussen gab sie das Rauhbein, rauchte und trank und zeigte sie sich auf ausgedehnten Reisen durch Afghanistan, Marokko, Iran und den Kongo als unerschrockene Abenteurerin. Im Grunde genommen war sie aber stets auf der Flucht vor sich selbst.
Ihr kurzes Leben war von Drogen und schweren Depressionen geprägt. Und dennoch gelang es ihr, mehrere Bücher zu veröffentlichen, sowie ausführliche Reportagen und Fotografien in namhaften Medien zu publizieren.



Die Enkelin von General Wille, Tochter einer reichen Zürcher Industriellenfamilie und befreundet mit berühmten Künstlern und Schriftstellern wie Erika und Klaus Mann, provozierte auch wegen ihres politischen Engagements gegen die Nazis und ihrer Neigung zu Frauen. Trotz vielen Lieb- und Bekanntschaften beschrieb sie in Texten immer wieder ihre Einsamkeit:

"Nie hab ich den Trost gekannt. Ich fürchte mich. Ich fürchte mich vor der Einsamkeit. Ich bin immer allein und manchmal schreie ich nachts: Gib mir einen Menschen!"

...heisst es in "Das glückliche Tal", einem autobiografisch gefärbten Werk, das ursprünglich den Titel "Tod in Persien" trug.

"Der Inhalt ergibt sich von selbst. Zu schreiben, zu formen -langsam, gleichsam musizierend zu schreiben: das gibt mir ein enormes Glücksgefühl. Um wahrhaft schreiben zu können, müsste man die Feder im Traum führen."

Doch vermochte das Schreiben als Therapie ihr Leid nur zu lindern, nicht zu heilen. „Ist es nicht so, dass nur leidvolle Menschen gross sein können?“ fragte Annemarie einmal. Und Arnold Kübler schrieb 1943 im Nachruf der Kulturzeitschrift „Du“: „Der Unruhe des eigenen Innern entrinnt man nicht…“

Nach mehreren Selbstmordversuchen erlag Annemarie Schwarzenbach schliesslich den falsch behandelten Folgen eines Fahrradunfalls, ironischerweise wurde sie von den Ärzten zu Tode gepflegt, die sie zuvor stets zurück ins Leben geholt hatten.

Zum Weiterlesen empfehle ich die bebilderte Biografie "Annemarie Schwarzenbach" von Charles Linsmayer, aus der auch die Zitate stammen.

"Und wenn dann dieses Weben ringsum beginnt
Wenn meine Hände schlaff und meine Füsse weit sind
Und ich mir nicht mehr gehöre
Und allein das einsam schlagende Herz
Wie der Kindheit Brunnen rauscht
Und ich immer noch in solcher Heimsuchung lauschen muss
Dann erhebt sich das Sterben über den Zauberrand
Der jetzt in tiefem Schlaf liegenden Welt
Und ich bin nicht mehr"


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