Mittwoch, 10. März 2010

Hoch lebe die Prokrastination!



Hatte ich mich erst kürzlich damit abgefunden, erwachsen zu sein, komm ich heute nicht umhin, mich mit dem Begriff "Frühvergreisung" anzufreunden. Denn mit keinem anderen Begriff lässt sich meine heutige Aktion besser bewerten.
Erklärend muss man vielleicht wissen, dass ich finanziell eher auf Geissenblümchen als auf Rosen gebettet bin. Daher muss ich mich, wenn ich Langeweile habe, in erster Linie kostengünstig unterhalten. (TV gucken kommt dabei nur im äussersten Notfall in Frage. Ey, ich bin vielleicht frühvergreist, aber noch nicht dement!) So verbrachte ich heute also erst ein paar glückliche Stunden damit, Luftpolsterfolie-Bläschen zu zerplatzen, eine Flotte Papierschiffe aus dem Wirtschaftsteil der NZZ zu falten und ein bisschen zu lesen. Die Lektüre war interessant, wenn auch ein bisschen beunruhigend: Amaranth wurde schon von den Inkas und Azteken als Wunderkorn verehrt, das übernatürliche Kräfte verleiht verkündete meine Müeslipackung. Ich überprüfte kurz, ob ich in der Zwischenzeit übernatürliche Kräfte bekommen hatte, konnte aber nichts Aufregendes feststellen. Weder gelang es mir den Küchentisch anzuheben, noch schwebte ich beim Sprung vom Tisch durch die Stube. Glücklicherweise verspürte ich auch nicht die geringste Lust, meiner Nachbarin das Herz bei lebendigem Leib rauszureissen und es dem Sonnengott zu opfern, obwohl ich schon eine ganze Menge des Inka-Amaranth-Müslis gegessen hatte. Bevor ich doch noch auf dumme Gedanken kommen konnte, beschloss ich, endlich mal was Sinnvolles zu tun. Auf meiner To-Do-Liste hiess es: "Steuererklärung machen!" Och nö.. "Text über Aquarell-Maler schreiben!" Näh. "Küchenboden wischen!" stand da nicht, aber das konnte ich beim Blick darauf deutlich sehen. Aber auch das gelüstete mich nicht sonderlich.
Deswegen konsultierte ich doch noch mal die Liste. "Stoff rauchen!" hiess es da noch. Hä? Ah, "brauchen". Nun, vor ewigen Zeiten hatte ich mal in einem Anflug von unausgereifter Kreativität weisse Seide gekauft. Etwa drei Meter. Ohne genauen Plan, einfach weil sie mir so gefiel. (Zum Thema Was-hab-ich-mir- dabei-bloss-gedacht-Käufe könnte ich einen eigenen Post schreiben. Ich bin einfach nicht spontan. Ich bin schon fast entscheidungsbehindert. Darum entpuppen sich meine Spontankäufe so oft als Irrtum.) Aber die Seide war so schön und so grauenhaft teuer gewesen, dass ich wirklich verhindern wollte, dass sie in meinem Kellerverlies den Schimmeltod sterben musste.
Ich setzte mich also an die Nähmaschine. Leider sind meine Nähkenntnisse eher rudimentär. Diplomatisch ausgedrückt. Obschon einer meiner Traumberufe mal Modedesignerin gewesen war. (Ironischerweise setzte der Handarbeitsunterricht dem ein abruptes Ende. Sagen wir einfach mal, ich stellte mich nicht sehr geschickt an. Ja, ihr lacht jetzt. Aber Nadeln und Faden bieten sich geradezu an für Unfälle. Und ich baute wirklich jeden. Meine Handarbeitslehrerin war eine Arme. Wie auch mein Sportlehrer, so nebenbei bemerkt, aber das ist ein anderes Thema.)
Was macht man also mit drei Meter weisser Seide und null Talent?
Tja. Man näht Kissen. Sollte doch ganz einfach sein, ja? Quadratisch, praktisch, gut? Pustekuchen. Ich verbrachte Stunden damit, zu stecken, heften, die Maschine einzurichten, wieder aufzutrennen, Schweiss und Blut flossen schon fast in Strömen, als die Kissen endlich das Licht der Sofalampe erblicken durften. Meine Frustrationstoleranz war ganz schön gefordert.
Übrig blieben eine ganze Menge Stoffstreifen. Ich hatte ja auch unbedingt noch einen Reissverschluss einnähen müssen und beim Ausprobieren nochmal einiges an Stoff ruiniert.
Aber auch die wollte ich nicht wegwerfen. Und so nähte ich daraus... Lavendelsäckchen. Beim Graben im Keller war ich nämlich auf eine weitere Projektleiche gestossen: getrockneten Lavendel vom letzten Sommer.
Also: einen ganzen Tag damit verbracht, Sofakissen und Lavendelbeutelchen zu nähen. Frühvergreist oder was?
Zumindest konnte mich auf meinen Lorbeeren gemütlich ausruhen. Und keine Motte wird sich an meinen Kashmir-Pullis gütlich tun. Ok, ich hab keine Kashmir-Pullis. Aber ich fürchte ständig, dass allfällige Motten so stocksauer werden, wenn sie keinen Kashmir finden, dass sie sich aus Rache an meinen Wollpullis oder Baumwoll-Shirts, oder -schluck- meinen Schuhen vergreifen! But fear no more! Dank den tollen home-made Bio-Lavendelsäckchen, lovingly hand-crafted by the frühvergreist, but still surprisingly talented Zidaya.
Egal. Zumindest werd ich diesen Frühling nicht im Grunge-Look auf die Strasse gehen müssen.

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